Die Brüder Pylyp und Vadym Gryshyn aus Charkiw gründeten ihr erstes Unternehmen schon während des Studiums: Sie entwickelten Perlenstick-Sets. Heute werden die Handarbeitssets der Marke AbrisArt auf vier Kontinenten verkauft. Doch die beiden wollten etwas Ungewöhnliches anpacken, etwas, das in der Ukraine noch niemand gemacht hatte.
Nach zwei Jahren voller Experimente und Hunderten Kilogramm verdorbenem Käse präsentierten die beiden eine einzigartige Leckerei – Käse, der knuspert. Das kommt dabei heraus, wenn ein Rockmusiker auf eine von der NASA entwickelte Technologie trifft!
Wegen der russischen Invasion hat snEco seine Produktion von Charkiw nach Mukatschewo verlegt. Am neuen Standort helfen die transkarpatische Sonne und neue Mitarbeiter aus allen Teilen der Ukraine dabei, die kosmischen Snacks herzustellen.
Alles begann 2015. Mein Bruder Vadym und ich hatten damals schon ein gemeinsames Unternehmen – die Firma AbrisArt, die Stick-Sets herstellt. Die Geschäfte liefen nicht schlecht, und irgendwann merkten wir, dass wir freies Geld, freie Hände und freie Köpfe hatten, um noch ein weiteres Geschäftsprojekt zu verwirklichen. Wir wollten uns an etwas ganz anderem versuchen und suchten eine Idee, die uns selbst begeistert. Wir reisten durch verschiedene Länder und interessierten uns für völlig unterschiedliche Branchen. Zum Beispiel überlegten wir, Hydrokultur-Gewächshäuser aus Israel in die Ukraine zu bringen und modernen Gemüseanbau zu betreiben. Aber daraus wurde nichts.
2016 beschlossen Vadym und ich, ein Produkt zu schaffen, das den Ansprüchen eines modernen jungen Menschen gerecht wird: etwas Nahrhaftes und ohne Chemie, mit dem man eine Suppe beim schnellen Snack im Büro verfeinern, das man in einen Salat geben und zu einem Glas Wein oder Bier genießen kann. Wir wollen nichts beschönigen: Die Idee von Snacks aus Käse ist nicht neu und nicht unsere. Zum ersten Mal haben wir so etwas in den USA probiert. Es hat uns geschmeckt, aber damals zweifelten wir – so wie heute manchmal unsere Kunden: Ist das wirklich Käse? Ist da wirklich nur Käse drin? Wir wollten etwas Ähnliches in der Ukraine machen.

Zentnerweise verdorbener Käse und NASA-Technologie
Bis wir Käsebällchen hatten, die man der Öffentlichkeit präsentieren konnte, vergingen zwei Jahre. Zwei Jahre voller Experimente, auf der Suche nach Trocknungsverfahren und sogar nach den idealen Käsesorten dafür. Danach folgten noch allerlei Verbesserungen, und dieser Prozess dauert bis heute an.
Wie verwandeln wir Hartkäse in knusprige, leichte Bällchen? Mit der Technologie der Mikrowellen-Vakuumtrocknung. Diese Technologie wurde ursprünglich bei der NASA entwickelt, damit Lebensmittel für Astronauten im Orbit wenig wiegen und dabei einen hohen Energiewert behalten.
Das ist also tatsächlich Weltraumtechnologie! Doch bevor wir die nötige Ausrüstung gefunden und den Produktionsprozess eingerichtet hatten, haben wir in 2 Jahren Hunderte Kilogramm Käse verdorben… Mal kamen riesige Klumpen heraus, mal „Brote“, mal verlief der Käse zu einer durchgehenden Platte. Das war sehr spannend und reizvoll, wenn auch kostspielig. Und Ende 2017 hatten wir endlich die ersten perfekten Käsebällchen, ein Jahr später erreichten wir einen Jahresumsatz von 3 Mio. UAH. Damals stellte das Unternehmen in einem Jahr 70.000 Packungen getrockneten Käse her, also 2 Millionen Käsebällchen.

Der CEO eines Käseunternehmens kaufte an einer Tankstelle alle unsere Snacks auf
Gerade als wir mit der Entwicklung unserer eigenen Marke begonnen hatten, meldete sich das Unternehmen „Bel Shostka Ukraine“ bei uns (besser bekannt unter der Marke „Vesela Korivka“). Die Geschichte ist wie im Film: Der CEO des Unternehmens sah unsere Käsebällchen an einer OKKO-Tankstelle, probierte sie und kaufte alles auf, was vorrätig war, um sie gründlicher zu verkosten und herauszufinden, was das für ein Produkt ist.
Später bot uns das Unternehmen an, Käsesnacks für sie herzustellen. Ein halbes Jahr lang haben wir umgebaut, um unsere Produktion nach ihren Standards aufzubauen: Wir mussten nicht nur ukrainische, sondern auch europäische Standards erfüllen. Das ist uns gelungen, und unsere ersten Snacks produzierten wir für das französische Unternehmen Groupe Bel. Anderthalb Jahre später zogen sie sich vom ukrainischen Markt zurück, aber wir wussten bereits genau, dass unser Produkt gefragt ist und hohe Qualität hat. Das brachte uns dazu, eine eigene Marke zu gründen – snEco des Unternehmens Prime Snack LLC.

Etwas zum Bier und etwas für die Diät
Heute haben wir 12 Snack-Sorten – aus 12 verschiedenen Käsesorten. Diese Produktlinie deckt die unterschiedlichsten Wünsche ab: Wir haben Fitness-Snacks, Snacks für Kinder und Snacks zu alkoholischen Getränken, zum Beispiel zum Bier den Suluguni-Snack, und zum Wein passt der Parmesan-Snack perfekt.
Wir arbeiten sowohl mit ukrainischen Käsesorten als auch mit importierten. Gouda beziehen wir zum Beispiel aus Deutschland, Goya-Parmesan aus den Niederlanden, und unsere klassische Snack-Linie wird aus dem ukrainischen Käse „Stolychnyi“ der Marke „Tulchynka“ hergestellt. Der Käse „Hratsiia“ der Marke „Pyriatyn“ ist die Grundlage unserer Fitness-Linie, denn er gehört zu den Käsesorten mit reduziertem Fettgehalt.
Unser Produkt ist komplett natürlicher Käse. Das heißt, wir nehmen Blöcke guten Käses aus der Molkerei, schneiden ihn … ein bisschen Magie – und schon haben wir leckere, knusprige Käsebällchen. Neben den Bällchen gibt es auch knusprige Käsesticks – das sind Snacks aus Suluguni-Käse. Die Sticks gibt es in zwei Geschmacksrichtungen – Pfeffer und Knoblauch – ebenfalls alles natürlich, keinerlei E-Nummern!

Sogar auf die Verpackung gibt es ein Patent
Wir haben ein Patent, das bestätigt, dass wir dem Käse bei der Herstellung der Snacks und beim Trocknen überhaupt nichts hinzufügen. Das heißt, es ist reine Milch: So wie daraus Käse gemacht wurde, so lassen wir ihn, wir entziehen nur die Feuchtigkeit. Wichtig ist, dass wir die Käsesorten bei niedriger Temperatur trocknen – 30-32 °C, denn bei höherer Temperatur beginnt das Fett zu schmelzen und das Trocknen klappt dann einfach nicht. Aus 100 g Käse entstehen 40 g knusprige Snacks.
Unsere Technologie ist einzigartig, sie ist sogar noch besser als die, die in den USA verwendet wird. Wir fügen dem Käse überhaupt nichts hinzu: keine Pflanzenfette, Konservierungsstoffe, Farbstoffe, Stärke, Anti-Haft- oder Rieselhilfsmittel, Aromen oder Geschmacksimitate. Das Einzige, was wir hinzufügen, sind natürlicher Pfeffer und Knoblauch, und das auch nur in bestimmten Snack-Serien.
Die erste Reaktion auf unser Produkt ist meist diese: „Na ja … Da verschweigt ihr doch etwas, das kann nicht einfach nur Käse sein! Und wenn es Käse ist, wie kann er sich dann 2 Jahre ohne Kühlschrank halten?“ Dann wird probiert. „Oh, tatsächlich, das erinnert an Gouda und das hier an Parmesan …“.
Heute haben wir zwei ukrainische Patente. Das erste betrifft das Trocknen von Käse ohne Zusätze, das zweite das Aufbringen natürlicher (ich betone!) Aromen auf getrockneten Käse. Das ist wirklich ein gesunder und nahrhafter Snack. Eine weitere Besonderheit unserer Snacks, auf die wir sehr stolz sind: In der Originalverpackung (auf die wir ebenfalls ein Patent haben) kann sich unser getrockneter Käse bis zu 2 Jahre halten. Und dafür braucht es keine besonderen Bedingungen.

Der nächste „Knall“ kann schon direkt neben dir sein
Ich habe meine Familie sofort aus Charkiw gebracht, als die Invasion begann. Zwei kleine Kinder, eine schwangere Frau. Eine andere Wahl gab es nicht. Dieser ständige Beschuss – überall knallt es, und du verstehst, dass der nächste „Knall“ schon neben dir sein kann. Du siehst Nachrichten: Das ist doch meine Schule, die Schule, in die ich gegangen bin, meine Schule! Und darin – Löcher … Zerstört. Unser Haus gibt es praktisch auch nicht mehr, die Nachbarn haben Fotos geschickt. Unser Vater hat drei Wochen unter Besatzung gelebt. Das ist sehr schwer. Aber man darf nicht den Mut verlieren. Man muss sich um die Familie kümmern, das Geschäft wieder aufbauen und dem Land helfen.
Ich finde, für uns gibt es nur zwei Möglichkeiten: entweder an der Front sein oder jeden Tag, sieben Tage die Woche, für die ukrainische Wirtschaft arbeiten. Im Moment tun wir Letzteres. Am 25.–26. Februar haben wir alle Mittel, die auf den Konten waren, zu gleichen Teilen an die ukrainischen Streitkräfte und die Stiftung „Come Back Alive“ überwiesen. Insgesamt waren es etwa 500.000 UAH. Wir wussten nicht, was mit uns passieren würde und ob Charkiw standhält. Aber wir wollten alles tun, um unserem Land zu helfen.

In den ersten Monaten konnten wir nicht einmal unsere Firmenstempel abholen
In den ersten zwei Monaten nach Beginn der großangelegten Invasion konnten wir weder arbeiten noch auch nur Ausrüstung oder Dokumente herausholen. Unsere Büroräume wurden sofort für die Bedürfnisse der Territorialverteidigung und später der ukrainischen Streitkräfte umgewidmet, und dorthin gab es überhaupt keinen Zugang. Wir konnten nicht einmal unsere Stempel holen. Die Produktionsräume unterstanden der „Ukrsalisnyzja“ und haben daher den Status eines Objekts mit beschränktem Zugang, sodass wir sehr lange alle Genehmigungen sammelten, um hineinzukommen und etwas herauszuholen. Die Genehmigung bekamen wir nur für kurze Zeit, und was wir geschafft haben, haben wir mitgenommen. Wir brachten es nach Mukatschewo.
Heute arbeiten bei uns schon viele neue Leute. Ehrlich gesagt: Wenn wir Lebensläufe durchsehen, geben wir Binnenvertriebenen den Vorzug und laden sie auf jeden Fall zum weiteren Vorstellungsgespräch ein. Denn wir sind selbst Umsiedler und wissen daher, wie es ist, plötzlich in eine andere Region zu ziehen, ohne dort Arbeit, Wohnung oder Freunde zu haben.

Das Wirtschaftsministerium hat uns vom Wehrdienst freigestellt
Das Verfahren, mit dem Unternehmen beim Wirtschaftsministerium eine Freistellung ihrer Mitarbeiter vom Wehrdienst beantragen können, war auf dem Portal „Diia“ beschrieben. Wir stellten sofort einen Antrag und legten dar, was für ein Unternehmen wir sind, was wir tun, welche Pläne wir bereits haben und warum man uns weiterarbeiten lassen und nicht an die Front schicken sollte. Wir zeigten, wie wir vor dem 24. Februar gearbeitet hatten, und bekamen eine positive Antwort: Ihr werdet arbeiten. Ich möchte sagen, dass das für uns keine Ausrede oder dergleichen ist, sondern eine Verantwortung, die der Staat uns auferlegt. Und wir tun alles, um dieses Vertrauen zu rechtfertigen.
Ich finde, dass unser Unternehmen für die ukrainische Wirtschaft sehr wichtig ist. Natürlich sind wir kein Hüttenwerk und keine Agrarholding, aber wir stellen ein Produkt her, das nicht nur für die Ukraine, sondern auch für den europäischen Markt einzigartig ist.

Man bot uns den Umzug nach Europa an, aber wir lehnten ab
Es ist uns wichtig, gerade in der Ukraine zu arbeiten. Als wir gerade anfingen, unsere Ausrüstung aus Charkiw zu evakuieren, boten uns unsere Partner aus Europa an, direkt zu ihnen umzuziehen: „Kommt zu uns, wir helfen euch beim Start, ihr macht hier eure Snacks, alles wird super!“ Darauf sind wir nicht eingegangen. Mein Bruder und ich haben einstimmig beschlossen, dass wir nirgendwohin gehen und auf unserem heimatlichen Boden arbeiten wollen.
Was gerade in meinem Land geschieht, ist die größte Motivation zu arbeiten. Jeder kämpft an seiner eigenen Front. Es gibt die militärische Front, es gibt die wirtschaftliche Front. Wir halten die wirtschaftliche. Ja, wir sind vorerst ein kleines Unternehmen, nicht einmal ein mittleres. Aber! Ich glaube: Wenn es viele solcher Unternehmen gibt, wenn alle – kleine wie große – trotz des Krieges arbeiten, bauen wir die Wirtschaft sogar wieder auf, noch bevor der Krieg endet.

In Mukatschewo sind wir auf Solarenergie umgestiegen
Solarmodule – das ist ein Projekt, von dem wir lange geträumt und das wir gerade hier in Transkarpatien umgesetzt haben. Diese Region scheint wie geschaffen dafür, Energie aus erneuerbaren Quellen zu gewinnen. In Charkiw und der Region Charkiw gibt es nicht so viel Sonne, deshalb war es dort für uns wirtschaftlich nicht sinnvoll. Als wir nach Mukatschewo zogen, sahen wir, dass auf vielen Gebäuden Solarmodule installiert sind. Und wir dachten: Warum machen wir das nicht auch?
Zumal das sehr gut zu unseren Werten und unserem Wunsch passt, wirklich umweltfreundliche Snacks zu machen. Und natürlich ist es eine erhebliche Ersparnis. Leider blieben uns nach der Umsiedlung überhaupt keine freien Mittel, um diese Idee umzusetzen. Also fanden wir internationale Organisationen, die Zuschüsse für solche Projekte vergeben, stellten einen Antrag und beschrieben ausführlich, warum wir Solarmodule brauchen und wie wir sie nutzen werden. Und seit zwei Wochen trocknet snEco den Käse mit Solarenergie!
Bei sonnigem Wetter decken diese Module unseren Strombedarf vollständig. Wenn es bewölkt ist, beziehen wir ein wenig aus dem Netz, aber auch das ist eine sehr erhebliche Ersparnis – sowohl für unser Budget als auch für die Stromversorgung der Ukraine, was gerade jetzt besonders wichtig ist. Deshalb scherzen wir heute, dass die transkarpatische Sonne und die NASA-Technologie für uns arbeiten.

Bald ist snEco in europäischen Regalen
Die allerersten Pläne: in den Export gehen. Darauf setzen wir gerade ganz besonders. In Warschau eröffnen wir eine Vertretung von Prime Snack. Übrigens gibt es in Warschau bereits ein „Diia“-Büro, und dort hilft man uns bei allem sehr. Für den Export braucht man zwei Genehmigungen: eine ukrainische für die Aufnahme des Exports und eine europäische, dass wir unsere Produkte dorthin einführen dürfen.
Im Sommer haben wir an der Warsaw Food Expo teilgenommen und unsere Käsesnacks vorgestellt. Gerade jetzt führt mein Bruder und Geschäftspartner Vadym Verhandlungen in Warschau und unterzeichnet Verträge über den Export von snEco-Produkten nach Polen. Wir freuen uns sehr, dass das Produkt, das heute in Mukatschewo hergestellt wird, schon bald in europäischen Regalen liegen wird. Und auf jeder Packung und jedem Karton wird „Made in Ukraine“ stehen.
Als Nächstes steht bei uns die Betriebsgenehmigung an, damit wir die Aufnahme in die Liste der Exporteure nach Europa beantragen können. Für Erzeugnisse tierischen Ursprungs gibt es eine eigene Liste, und es ist sehr schwierig, darauf zu kommen. Aber wir sind sicher, dass wir es schaffen und dass noch ein tolles ukrainisches Produkt bald die Weltmärkte erobert.
Hier in Mukatschewo ist mein Sohn geboren. Er ist mein drittes Kind, und ich träume davon, dass meine Kinder als Ukrainer aufwachsen, die ihr Land lieben, dass sie stolz darauf sind, auf seine Unbeugsamkeit und seine Freiheit. Und das hängt nicht nur von der Erziehung ab, sondern auch davon, was ich selbst heute, morgen und übermorgen für mein Land tue.